Martin Jürgens


Seine Kunst zu zögern. Elf Versuche zu Robert Walser



ISBN: 978-3-938568-46-0



Essay 11, Broschur, 160 Seiten.


Preis: 14,00 EUR | Bestellen

 Martin Jürgens: geb. 1944, Studium in München, Münster und Zürich, Promotion über Robert Walser 1972 ("Die Krise der Darstellbarkeit"), 1980 Habilitation mit einer kunstsoziologischen Arbeit ("Moderne und Mimesis"), Arbeit als Hochschullehrer bis Ende 2000.
Literarische und wissenschaftliche Publikationen seit 1967; Theaterarbeit seit 1981, Regie zuletzt: "Jakob von Gunten" von Robert Walser (Münster), "Erklärt Pereira" von Antonio Tabucchi (Köln).
 Weihnachten vor 50 Jahren: Zuletzt führt ihn der Weg leicht hinab; er rutscht im frisch gefallenen Schnee, fällt auf den Rücken, verliert seinen Hut. Kinder finden den Toten; die Polizei macht Fotos.
 
Was seit dem Tod Robert Walsers am 25. Dezember 1956 geschah, ist staunenswert und fast beispiellos: Von Jahr zu Jahr wächst der Nachruhm - weltweit.
 
Zu den ersten, die sich intensiv mit Walser befaßten, gehört Martin Jürgens. Dieses Buch versammelt elf seiner Walser-Studien aus 30 Jahren. In ihnen wird eine Haltung versucht, die begriffliche Kraftakte vermeidet, in enger Fühlung mit den Gegenständen ist und doch an Theorie, also an der Bewegung des Denkens, interessiert bleibt.
 
Das entspricht dem Eigensinn der Texte Walsers: Sanft bewegte Leichtgewichte sind es, fern jeder Gattung. Behende führen Walsers "Helden" uns weg von kraftvollen Botschaften und hin zum Entzücken vor der flüchtigen Einzelheit. Sie wissen nicht, wo es langgeht, bauen kann man auf sie nicht; erst recht ist mit ihnen kein Staat zu machen. Das macht ihre Größe aus und unser Glück beim Lesen von Sätzen wie: "Sein Lächeln glich einer Blume, die nach dem Bedürfnis und der Kunst, zu zögern, duftete."
 
Rezension in der Frankfurter Rundschau vom 14.2.2007:
 
... wie hier überhaupt eine lebhafte Walser-Lektüre angeboten wird, jenseits von Ordnungsbedürfnissen, aber mit einem schweifenden Ortungssinn für den Eigensinn des Walser-Allerleis. Tuchfühlungsversuche, könnte man sagen, was nicht heißt, dass es nicht auch beherzt-kräftig zugehen kann: "Die oft gerühmte Leichtigkeit und scheinbare Absichtslosigkeit seiner Prosa, der vagabundierende, flanierende Blick, den sie lehrt, sind Zeichen einer wie selbstverständlich operierenden Desorganisation, eines (wenn man so will) ästhetischen Dekonstruktivismus avant la lettre."

Desorganisation des Daseins, eine diskontinuierliche Erzählweise und Depersonalisierung machen die "Sonderart Walsers" (Robert Musil) aus - und das muss auf diesem Raum reichen als Hinweis, spielt doch überdies und gar nicht von ungefähr das Mimetische in diesem Sekundärbüchlein eine zentrale Rolle, so auch Walsers ausgesprochene Kleist-Gestimmtheit, exemplarisch in seiner Erzählung Kleist in Thun. Wenn auch darin dem Walser-Leser dann und wann eine wohlgemute Stimmung um die Nase geht, so kann alle "heitere Souveränität" ein "klares Unheilsbewusstsein" unmöglich verbergen. Denn das Unmögliche, das es bei Walser immerfort gibt, ist das Tröstliche. Der hoffnungslose Gedankensprung in die katastrophische Bestimmung der Moderne folgt in Jürgens' Aufsätzen einer an Benjamin/Adorno geschulten Perspektive, und assoziiert von Kleist über Büchner über Walser bis hin zu dem schizophrenen Dichter März ein so untröstliches Unbehagen des Ich an seiner Existenz, wie es der Walser-Leser kennt, wenn er etwa im Räuber-Roman auf die Stelle trifft: "Ja, es gibt noch aufwachsende Menschen, die nicht im Handumdrehen mit einer entsetzeneinflößenden Geschwindigkeit mit ihrem Innen- und Außenleben fertig werden, als wären Menschen bloß Semmeln, die man in fünf Minuten herstellt und hierauf verkauft, damit sie verbraucht werden."
 
(Christian Thomas)

Rezension in "Am Erker Nr. 53":
 
"Elf Versuche zu Robert Walser" aus den Jahren 1972 bis 2005 hat Martin Jürgens nun unter dem schönen Titel Seine Kunst zu zögern in einem kleinen Broschurband versammelt. Vom biographischen Abriss bis hin zur konzentrierten Textanalyse lesen sich diese Arbeiten als erhellende Kommentare zu Leben und Werk eines Autors, an dessen Eigenart das gewöhnliche philologische Besteck leicht stumpf zu werden droht. Selbstironisch demonstriert Jürgens in seinem Vorwort, wie bedrohlich selbst vom emanzipatorischen Geist der frühen siebziger Jahre beseelte Germanistenprosa wirken kann, um dann in den jüngsten Beiträgen des Bandes den ästhetischen Mehrwert von Walsers Texten nicht nur zu behaupten, sondern als Lesegenuss spürbar zu machen.
 
(Joachim Feldmann)




  6 von 6  
zurück  zurück zur Übersicht