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Aufgreifen, begreifen, angreifen Band 1

Historische Essays, Porträts, politische Kommentare, Glossen, Verrisse

Der erste von drei Bänden umfasst Arbeiten aus den letzten 18 Jahren: aufklärende historische Essays, Porträts gegen das Vergessen (von Diderot über Rudi Dutschke bis zu Reinhart Koselleck), ins Grundsätzliche gehende politische Kommentare jenseits des tagespolitischen Handgemenges sowie Verrisse von Sachbüchern. Das verlegerische und das redaktionelle Gewerbe schätzen Verrisse nicht besonders. Sie sind jedoch als Korrektive im Kulturbetrieb umso wichtiger, als dieser generell zu verharmlosender Glätte und Beliebigkeit neigt. Im einem weiteren Abschnitt folgen Sprachglossen, die sich auf tagespolitische und mediale Eseleien beziehen. Den Band schließen Texte in eigener Sache ab.
Der Titel hebt auf das Moment von Spontaneität der Reflexion ab. Jede Behauptung eines »roten Fadens«, dem die Texte folgten, liefe auf eine alberne Selbstinterpretation hinaus. Es bleibt den Leserinnen und Lesern überlassen, allenfalls vorhandene, durchlaufende Motive zu erkennen oder zu bestreiten.

 
Leseprobe:
 
Rudi Dutschke – einer wie keiner
 
Über 68 reden, heißt auch, über sich zu reden. Insofern ist es ein Glücksfall, dass 25 Jahre nach dem Tod von Alfred Willi Rudolf (Rudi) Dutschke (7.3.1940-24.12.1979) seine Frau Gretchen Dutschke-Klotz die Tagebücher veröffentlicht, die Dutschke seit 1963 führte (Rudi Dutschke, Jeder hat sein Leben ganz zu leben. Die Tagebücher 1963-1979. Hg. von Gretchen Dutschke, Köln 2003). Sie belegen: Der richtige Kern der Phrase vom »Mythos 68« besteht darin, dass nicht auszumachen ist, worin die programmatische Einheit der Bewegungen zwischen Berkeley und Regensburg bestehen soll. Damit ist nicht gemeint, die Studentenbewegung löse sich in lauter Einzelgeschichten auf, aber die unterschiedlichen Kontexte der weltweiten Bewegung und die individuellen Erfahrungswelten waren überall prägender als die Einheit in Programmen oder Zielen. 68 bezieht sich überhaupt weniger auf ein Programm, ein Theoriepaket oder ein Ziel als vielmehr auf Methoden und Haltungen. Man versteht die Studentenbewegungen besser, wenn man sie als ein Konglomerat von politisch-moralischen Haltungen und Methoden versteht, die Welt und insbesondere die Politik anders zu begreifen.
Über 68 reden, heißt auch, über sich zu reden. Zu den frühesten politischen Erinnerungen des Rezensenten gehört, dass am 5. März 1953 in der Grundschulklasse eines katholischen Nestes in der Ostschweiz gebetet wurde – zu Stalins Tod. Drei Jahre später bekamen die mittlerweile Zwölfjährigen eine Fackel in die Hand gedrückt, um in Oktobernächten klassenweise zu demonstrieren – gegen die Unterdrückung des ungarischen Aufstands durch sowjetische Truppen. Wofür wir beteten und wogegen wir demonstrierten, war den Betenden wie den Demonstrierenden damals mit Sicherheit völlig unklar. Im Gedächtnis geblieben ist die Verehrung eines Helden des ungarischen Aufstandes – des schönen Generals Pál Maléter, der die Stars aus Fußball, Handball und Eishockey aus dem Gefühlshaushalt des Heranwachsenden verdrängte. Erwachsen geworden, führten solche Erfahrungen viele zu zwingenden Konsequenzen: Erziehung, die den Zöglingen ihre Ziele unterjubelt oder autoritär aufherrscht – und seien sie so ehrenwert wie der Protest gegen die sowjetische Invasion in Ungarn – dienen nicht der Autonomie und der Aufklärung, sondern propagandistischer Manipulation.
Dem frommen Christen Dutschke verweigerte das autoritäre DDR-Regime die Zulassung zum Studium, weil er das Evangelium und die humanistischen Ideale des Sozialismus wörtlich nahm und den Wehrdienst verweigerte. Dutschke ging nach Westberlin und stürzte sich ins Studium der marxistischen Klassiker, die er freilich nicht in ihrer zur Orthodoxie verkümmerten Version rezipierte. Gegen die theoretische Verklärung geschichtlicher Entwicklungsprozesse zur quasi-natürlichen, von der Partei verwalteten Notwendigkeit bestand er auf der »freien Entscheidung des Individuums, der Gruppe, der Partei.« Die Freiheit des Individuums und die Autonomie seines Denkens bilden bei Dutschke eine durchgehend libertäre Grundierung, die sich auch nicht verliert, wenn er sich Notizen macht über »Revolution, zukünftige Gesellschaft, Gewalt, Schüler, Sexualität« oder trockene organisatorische Fragen bis hin zu einem hybriden »Machtergreifungsplan «, den er »in der Kneipe« präsentierte.
Der begnadete Redner Dutschke führte ein abenteuerliches Leben. Unter dem 21.11.1967 notiert er: »Bochum-Veranstaltung; sollte um 20:00 Uhr sprechen; kam um 22:00 Uhr – noch alle da; ca. 1200 Menschen; Referat – Diskussion – bis 0:30 Uhr. – Prima! Dann von 1:00-4:00 Uhr über die Situation der Gruppe gesprochen; beschissen.« An den nächsten Tagen wiederholt sich etwa dasselbe. Der 27.11.1967 begann morgens um 6 Uhr in Berlin mit »special works«, gefolgt von einer Vollversammlung um 10:30 Uhr und einer Demonstration um 14:30 Uhr. Um 19 Uhr flog Dutschke nach Bremen, wo er um 21:30 eintraf. Um 6 Uhr früh war er wieder in Berlin zurück.
Und dann kam der 11. April 1968, der Dutschkes Leben völlig veränderte. Der von der Springer-Presse verhetzte Hilfsarbeiter Josef Bachmann verletzte ihn mit zwei Kugeln in den Kopf lebensgefährlich. Unter großer Anstrengung und mit der Hilfe seines Freundes Thomas Ehleiter gelang es, Dutschkes Denk- und Sprachfähigkeit wiederherzustellen. Das Tagebuch verzeichnet Wortlisten, mit denen er sein Gedächtnis trainierte wie früher als Leichtathlet seinen Körper. Fortan und bis zu seinem Tod plagten Dutschke »Depressionen, völlige Angst vor Lern- und Arbeitsunfähigkeiten.« Lesen war lange Zeit mit »Gewaltanwendung« verbunden und endete oft mit mentalen Aus- und epileptischen Anfällen. Dutschke lebte mit seiner Frau und zwei Kindern in London, aber alle Versuche, an der Universität Fuß zu fassen, scheiterten.
Köstlich ist Dutschkes Bericht über einen Besuch in der chinesischen Botschaft, wo er mit einem »Genossen« Botschaftssekretär über die »Weltrevolution« und den »sowjetischen Revisionismus« diskutierte, während der gut zweijährige Sohn aus einer Bücherwand »vieles herausholte« und zum Schrecken des Sekretärs auch noch Streichhölzer vom Tisch nahm, bis der Sohn so »unruhig« wurde, dass die Mutter mit ihm die Botschaft verließ und der Vater »richtig genossenschaftlich« über »die Zukunft der Revolution in Deutschland« allein weiterdebattierte.



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978-3-941895-17-1 Essay 17, Broschur, 390 Seiten, auch als E-Book in allen gängigen Formaten erhältlich für 4,99 EUR!
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