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Die Diakonissin

Herausgegeben von Stephan Landshuter

Gutzkows Werke und Briefe
Erzählerische Werke Band 10


Gutzkows düster grundierter Kurzroman »Die Diakonissin« (1855) setzt sich mit der seit 1849 immer einflussreicher werdenden ›Inneren Mission‹ und dem damit verknüpften Diakonissenwesen auseinander. Bereits seit 1850 hatte sich Gutzkow mit dieser Reaktion protestantisch-konservativer Kreise auf die zunehmende soziale Verelendung, die wachsende Zahl ›Ungläubiger‹ und das Erstarken demokratischer und sozialistischer Bewegungen kritisch auseinandergesetzt. Die Ausübung christlicher Nächstenliebe erschien ihm suspekt, weil sie verbunden mit kirchlichem Bekehrungseifer und klerikaler Agitation auftrat. Aber auch die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer drängender werdende ›Frauenfrage‹ greift Gutzkow in dem Roman auf: das Verhältnis von weiblicher Erwerbstätigkeit, Selbständigkeit und ehelicher Bindung.
Im Mittelpunkt des Romans steht die junge Constanze Artner, die den Entschluss gefasst hat, ihre gescheiterte Verlobung mit dem Arzt Alfred Wolmar zu kompensieren, indem sie der Liebe gänzlich entsagt und als Diakonisse Kranke und Sterbende pflegt. Eines der zentralen Kapitel besteht aus den Tagebuchaufzeichnungen von Constanze Artner aus ihrer Probezeit in einem Krankenhaus, für das die 1847 eröffnete Diakonissenanstalt »Bethanien« in Berlin das Vorbild abgab. Zwar finden am Ende die Liebenden, beide nunmehr geprüft und geläutert, unterstützt durch einen wohlgesonnenen Freundeskreis doch noch zueinander, doch aufgrund der nicht mehr hintergehbaren Erkenntnis der tristen conditio humana bleibt eine melancholische Grundstimmung bestehen.


Leseprobe:

AUS CONSTANZENS TAGEBÜCHERN

[149] Ich bin zwei Tage in der Anstalt und lebe schon für nichts mehr, als meine Kranken. Ich sehe, daß sie ganz auf mich angewiesen sind, daß ihr erster Blick beim Erwachen auf mich fallen will, daß ich ihre Hand, ihr Mund, ihr Alles bin. Wie glücklich das macht! Sie leiden an äußern Schäden und sind vor Kurzem erst operirt worden. Sie plaudern gern und ich freue mich, ihnen meinen Antheil zu verrathen. Jedes von ihnen hat ein Lebensschicksal. Wie sie so ruhig liegen, scheint Jeder von ihnen zu glauben, sein Loos erfülle die Welt und sein Herz bilde den Mittelpunkt des Ganzen. Erst die Bildung giebt uns Verallgemeinerung und lehrt uns, in solchen äußersten Fällen uns fast ganz in den auch leidenden Andern zu vergessen.


[151]
Ich bin bei Kindern. Sie erfordern wohl die meiste Geduld und können recht ermüden. Das schreit und weint und lacht und der Todesengel sitzt so harmlos unter ihnen und sie spielen mit seiner Sense, die so scharf ist. Ich fürchte mich vor meinem ersten Todten. Unter diesen Kindern sind Einige, die bald sterben müssen. Sie sind nur Flämmchen, die im Erlöschen scheinen, und doch spielen sie mit ihren blaubleichen magern durchsichtigen Fingerchen noch auf der Bettdecke mit Reiterchen und Pferdchen und achten Erde oder Himmel gleichviel, wenn es nur zu spielen giebt, dort wie hier.


[153] Ich bin nämlich zu Männern gekommen. Der Eindruck ist beklemmend genug. Einen Einzelnen in einer Zelle würd’ ich ohne Beklemmung pflegen können, aber Männer in Vereinigung überwältigen uns, auch wenn sie sterbend auf dem Lager liegen. Ich fühlte dabei den Stufengang der Heranbildung zum Pflegamte. Dies Eintreten eines Weibes in einen Saal von zwölf leidenden Männern hat für ein Weib etwas furchtbar Erdrückendes und die Liebe allein reicht nicht aus, um sich dabei aufrecht zu erhalten. Man muß viel abstreifen von dem, was zu unsrer Natur gehört und ich erkenne recht, daß man wenn auch nicht so kalt und streng werden kann wie Schwester Adelheid, die mich in Allem unterrichtet und anleitet, doch in seiner Sorge so mechanisch werden muß, wie – ich will Niemanden nennen. Ich glaube, ich sehe und beurtheile noch Alles von einem Standpunkte, der nicht mehr hieher gehört.




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978-3-944369-15-0, Leinen mit Schutzumschlag und Fadenheftung, 199 Seiten, 29,90 €.
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