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Seine Kunst zu zögern

Elf Versuche zu Robert Walser

Weihnachten vor 50 Jahren: Zuletzt führt ihn der Weg leicht hinab; er rutscht im frisch gefallenen Schnee, fällt auf den Rücken, verliert seinen Hut. Kinder finden den Toten; die Polizei macht Fotos. Was seit dem Tod Robert Walsers am 25. Dezember 1956 geschah, ist staunenswert und fast beispiellos: Von Jahr zu Jahr wächst der Nachruhm – weltweit.
Zu den ersten, die sich intensiv mit Walser befaßten, gehört Martin Jürgens. Dieses Buch versammelt elf seiner Walser-Studien aus 30 Jahren. In ihnen wird eine Haltung versucht, die begriffliche Kraftakte vermeidet, in enger Fühlung mit den Gegenständen ist und doch an Theorie, also an der Bewegung des Denkens, interessiert bleibt.
Das entspricht dem Eigensinn der Texte Walsers: Sanft bewegte Leichtgewichte sind es, fern jeder Gattung. Behende führen Walsers »Helden« uns weg von kraftvollen Botschaften und hin zum Entzücken vor der flüchtigen Einzelheit. Sie wissen nicht, wo es langgeht, bauen kann man auf sie nicht; erst recht ist mit ihnen kein Staat zu machen. Das macht ihre Größe aus und unser Glück beim Lesen von Sätzen wie: »Sein Lächeln glich einer Blume, die nach dem Bedürfnis und der Kunst, zu zögern, duftete.«


Leseprobe:

Ein Lebenslauf als anhaltendes Dementi
Zu einem bodenlosen Künststück von Robert Walser

Im Rahmen eines in mancher Beziehung bedenklichen Walser-Kolloquiums in Rom (1985) formulierte ein lebender Kollege Walsers, Peter Bichsel (auch er Schweizer) zum Entzücken des Publikums folgenden Satz: »So etwas durfte ein Buch sein!« – Mit »so etwas« war die Prosa Walsers gemeint; der ganze kurze Satz war ein Resümee der Erinnerung Bichsels an seine erste Begegnung mit Walsers Werk – die Erinnerung an ein ermutigendes Staunen darüber, daß solch kunstvolle Verwahrlosung existieren durfte und das in Buchform. Bichsel las dann zur Probe auf‘s Exempel den ersten Teil eines Prosastücks vor, das ich irgendwann einmal zur Kenntnis genommen hatte, dessen verquere Komik mir aber damals zum ersten Mal vorgeführt wurde. Der Text von 1917 trägt den Titel »Fritz« und fängt so an:
 
Mein Name ist Fritz. Wäre es nicht besser gewesen, wenn man mir
einen andern Namen gegeben hätte? Aus der Juravorstadt ging ich hervor,
aus der ich vielleicht besser nie hervorgegangen wäre. (...)
Später kam ich ins

SEMINAR,

in das ich vielleicht besser nie hätte kommen sollen. Seminaristen haben es
bekanntlich ziemlich hoch im Kopf. Es wäre wahrscheinlich gescheiter gewesen,
wenn ich es nie hoch im Kopf gehabt hätte, aber Tatsache ist leider, daß ich es
ziemlich hoch im Kopfe hatte. Ich fing an Gedichte zu schreiben, was ich
vielleicht besser nie getan hätte (...) Man gab mir Stipendien und schickte
mich auf Reisen. Wäre es nicht klüger und vernünftiger gewesen, wenn man
mir die Stipendien versagt hätte, damit ich nicht auf Reisen gegangen wäre?
Ich reiste wohin? Nach

ROM,

um dort in einem alten verwitterten Palazzo einen römischen Fürsten kennen
zu lernen. Wäre es nicht besser gewesen, nie nach Rom zu reisen, niemals
den Fuß in einen alten verwitterten Palazzo zu setzen und in meinem Leben
keinen römischen Fürsten kennen zu lernen? Schon wieder eine neue Reihe
unterminierender Fragen.
 
Literarische Texte werden in aller Regel ›leise‹ gelesen; man liest sie ›für sich‹, bringt sie sich und anderen nicht zu Gehör, hört ihnen nicht zu. Ob das ein produktives Verhalten ist, kann man bezweifeln, zumindest für den vorliegenden ›Fall‹. Denn für den, der das Prosastück »Fritz« ›für sich‹ liest, ist die lange Folge von Mitteilung und nachfolgender Anzweiflung mit einiger Wahrscheinlichkeit ermüdend bis ärgerlich: Warum diese höchst umständliche Unentschiedenheit? Welchen Sinn soll es haben, jeder Feststellung mit der Frage, ob es nicht besser anders gewesen wäre, zu begegnen? Wohin führt ein sprachliches Kontinuum von Behauptung und sofort versuchtem Dementi, wenn nicht in einen Zustand unlustvoller kognitiver Dissonanz?

Wer nur so fragen kann, bringt sich zuverlässig um den Genuß an der Sache. Es ist, als frage man, was die Clowns denn davon hätten, keine drei Schritt weit zu kommen, weil sie über die eigenen Füße fallen. Im Zirkus wird so nicht gefragt – vernünftigerweise. Auf vergleichbare Art findet sich die an der Konsistenz von Aussagen interessierte Sinnfrage, die man an »Fritz« richten kann, von den komischen Effekten suspendiert, die »Fritz« herstellt, wenn man ihm zuhört bei seiner vertrackten Rede in eigener Sache:

 
Ich kam nach

AMSTERDAM

und (...) in das durch Rembrandt berühmte Judenviertel. Vielleicht ist es
gänzlich überfl üssig und nutzlos gewesen, daß ich nach Amsterdam und in
das durch genannten Meister berühmte Viertel kam. Nachher reiste ich
wieder nach Italien, wo ich Städte wie etwa Pisa sah. Warum mußte ich
durchaus Städte wie etwa Pisa sehen? (...) In Ravenna lag das Studium
der italienischen Baukunst nah. Ich erinnere an Theodorichs Palast und
an das Grabmal eines gewissen Soundso. Aber (...) lag obiges Studium
ausgerechnet in Ravenna nah? Wäre es nicht besser gewesen, wenn ich
Städte wie Ravenna nie gesehen hätte? Jetzt ging es über Venedig nach

ZÜRICH,

wo bekanntlich viele und gute Vorträge abgehalten werden. In Zürich las
ich meine Gedichte frei aus dem Gehirn vor oder dann doch wenigstens hübsch
sachte und säuberlich aus dem gedruckten Buch ab (...) Ich lüge kaum, wenn
ich sage, daß man mir vor lauter Begeisterung Blumen und Schmucksachen
mitten in das betroffene Gesicht hineinschmiß.

 
Es empfiehlt sich, die erzählte Karriere als solche noch nicht in den Blick zu nehmen, sondern sich weiter der Struktur von Behauptung und Anzweiflung zuzuwenden. Das den Text strukturierende Hü und Hott, dieser Wechsel von ›So war es‹ und ›Wäre es nicht besser gewesen, wenn‹ wird zwar weiter durchgehalten – aber mit einer Verschiebung in Richtung Gleichgültigkeit: Nachdem erwogen wurde, es sei ›vielleicht gänzlich überflüssig und nutzlos gewesen‹, nach Amsterdam zu kommen, heißt es von der nächsten Station (Italien), das erzählende Ich habe da »Städte wie etwa Pisa« gesehen. Es geht also nicht mehr nur um das, was vielleicht besser anders hätte sein können (was aber als Tatbestand behauptet bleibt); nein, jetzt beginnen die behaupteten Fakten selbst gleichgültig zu werden: »Städte wie etwa Pisa«. Daß in Ravenna »das Studium der italienischen Baukunst« dann nur noch »nahelag« und die Erinnerung nur noch bis zu »Theodorichs Palast und an das Grabmal eines gewissen Soundso« reicht, verwundert kaum. Auch die verquere Richtungslogik des weiteren Reisewegs überrascht nicht: Von Amsterdam geht es zügig »über Venedig nach Zürich, wo bekanntlich viele und gute Vorträge abgehalten werden«.

Was dem Poeten dort bei seiner Lesung widerfahren ist, bleibt undeutlich: Las er nun seine Gedichte »frei aus dem Gehirn vor oder (...) aus dem gedruckten Buch ab«? Er verrät es uns ebensowenig wie er uns über Erfolg oder Mißerfolg seiner Lesung wirklich Klarheit verschafft: »Ich lüge kaum«, so beginnt er, »wenn ich sage, daß man mir (...) Blumen und Schmucksachen mitten in das betroffene Gesicht hineinschmiß« – so formuliert ein schwer einzuschätzendes Applausverhalten.



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