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Anschwellendes Geschwätz

Kleine Chronik des kommunikativen Krawalls

Essays, Erwägungen und Erledigungen, Berichte, Beleidigungen und Bagatellen: Anschwellendes Geschwätz konzentriert sich ab- und umherschweifend auf allerlei Gerede in allerlei Formen und allerlei Kultur- und sonstigen Zusammenhängen.
Mag so auch keine bedeutende Bestandsaufnahme zum neusten Geist der Zeit entstehen, so wird immerhin mehrfach über unseren Lieblingsliteraturnobelpreisträger sinniert, der eine Art semiepisches Epizentrum des ganzen Salats darstellt und über den Autor Jürgen Roth, geprüfter Verona-Feldbusch- und Edmund-Stoiber-Biograph, der er ist, daher wohl demnächst doch noch eine Lebensbeschreibung wird verfassen müssen.



Leseprobe:

The Aufschwung

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich schätze mich nicht unbedingt unglücklich, heute abend vor Sie hintreten und für die Dauer von ungefähr so vielen Minuten zu Ihnen sprechen zu dürfen, wie sie ein durchschnittlich veranlagter und orientierter Europäer mitteleuropäischer Prägung und mitteleuropäischer Europagesittung benötigt, um ein Glas Bier der, sagen wir, approximativ geschätzten Größe von zirka 0,5 Litern ohne Hast und inneren Leidensdruck austrinken zu können. Also etwa neun Minuten.
Wie Sie vielleicht wissen, ist die Stadt Neuwied über die Grenzen Neuwieds hinaus und bis in den Andernacher Raum hinein bekannt als Weltkapitale der Vitalität und Toleranz. Zumindest macht sie, die Stadt, mich, den debütierenden Neuwied-Besucher, das äußerst glaubwürdig glauben, indem ihre politischen Führungskräfte auf die Einladung zu dieser Ausstellung das offizielle Stadtlogo drucken ließen, und das liest sich mit zwei intakten Augen exakt so – als dialektischer Dreischritt: »Neuwied. Tolerant. Lebendig.«
Nun sind mir integere Zeitgenossen bekannt, die beteuern und hoch und heilig schwören, gegenüber den Erzeugnissen der Königsbacher Brauerei, die aus der Ihnen womöglich vom Hörensagen bekannten Erzkapitale der verwirrenden Straßenführung und -verknotung, Koblenz mithin, auch bis nach Neuwied hochwasserartig hinüber- und hereinschwappen dürften, eine gewisse, wie soll ich’s sagen: eine gewisse Intoleranz hegen und ausüben. Mit ihrer lebendigen trinkerischen Intoleranz insbesondere gegenüber dem Königsbacher Zischke stehen diese wahren Bierliebhaber in einer langen Tradition urteilsfreudiger Bierverräumer. Denn die Toleranz hat in Deutschland zwar ihre Grenzen, hört aber beim Bier dann auch wirklich mal auf. Wenn es, siehe Zischke, bestimmter trinkförderlicher Charakteristika wie Trinkbarkeit und der getränkimmanenten Trinkluststeigerungspotenz entbehrt.
Beim Bier geht’s in Deutschland, soviel können wir bis jetzt festhalten, um die Wurst. Das ist richtig so. Wurst und Bier sind die Säulen unseres Lebens. Brächen sie von einem Tag auf den anderen weg oder würde der hiesige Bier- und Wurstmarkt nur noch mit Produkten aus Billiglohnländern wie den USA und England bestückt (ich weise Sie nur sachte auf die Globaloptionen amerikanisches Massenbier und englische Frühstückswurst hin), dann – ja dann wären sofortige Neuwahlen samt Anrufung des Europäischen Kriegsverbrechertribunals in Den Haag der letzte Ausweg.
Wurst und Bier sind Insignien von Lebenskraft und Ausdruck des Mutes zur Gegenwart. Wurst und Bier sind Symptome des Fortschritts und die Achsen des Standortes Deutschland. Ich bin mir beinahe sicher, daß die beiden so sympathischen wie emphatischen Bierpanegyriker und bekennenden Bierschinkenzeichner Achim Greser und Heribert Lenz mir ihre Zustimmung zu dieser These nicht verweigern. Ich weiß um ihre Passion für die im Verschwinden begriffenen Dorfmetzgereien, und wer aufmerksam durch diese Ausstellung streicht, wird sich die Augen reiben angesichts der akkurat in Szene gesetzten Dorfmetzgereienmotive, angesichts dieser begnadet wurstprallrealistisch abkonterfeiten Ringwurstreigen und reifenhohen Ringwurststapel und Salamipyramiden und Knackwurstketten. Mmmmmh. »Ich nehme alles.« In einer Welt, in der man das, vor der Wurstvitrine einer Dorfmetzgerei stehend, zu sagen vermag, kann einem nichts mehr passieren.
Wurst ist Wurst, werden Sie nun vielleicht einwenden, und Bier ist Bier. Ich widerspreche Ihnen da schon prophylaktisch schon einmal im voraus gar nicht. Sie haben ja recht. Noch weit essentieller, ja i. S. der Existentialphilosophen Greser, Heidegger und Lenz existenzsichernder und daseinsstützender ist das Bier. Deshalb, ich wiederhole mich an dieser Stelle gern, geht es in Deutschland beim Bier, um mit den Dialektikern Greser, Hegel und Lenz zu sprechen, ums Ganze. Ist nicht hinreichend gutes und ausreichend gekühltes Bier ganzjährig und allerorten zu passablen Erwerbspreisen zur Hand, ist nicht der Aufschwung, sondern dann ist der Aufstand da. Achim Greser und Heribert Lenz scheuen sich auch in ihrer extrem raren Freizeit nicht, bei menetekelhaften Anzeichen und Symptomen wie Einhaltung der Sperrstunde oder Öffnung des Wirtshauses erst um 14 Uhr rhetorisch gegen solche Mißstände vorzugehen und i. S. der Lebenssittlichkeit einzuschreiten.



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978-3-938568-35-4, Essay 10, Broschur, 383 Seiten. Auch als E-Book in allen gängigen Formaten erhältlich für 4,99 EUR!
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