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Rumba mit den Rumsäufern

Der rasende Rezensent 2

»Meine Kumpels und ich in Santiago. Die gefährlichen Neger aus den Barrio cicerones, meine Wirtin hat immer gesagt, da kannst du nicht hingehen, das sind alles Roneros, Rumsäufer, die sind gefährlich – und mit denen habe ich meine schönste Zeit auf Kuba gehabt. So, mit denen war ich also auf einer Rumba, die Band hat gekocht, beste Stimmung, Hans Herbst gut drauf, Getränke angeschafft, und ich das große breite Grinsen im Gesicht. Da kommt eine hübsche junge Frau, stellt sich vor mir hin und sagt: Du hast ein schönes Lächeln, bewahre es dir. Da fällt man doch um. Sowas habe ich hier noch gehört, da ist man hin und weg.« – Hans Herbst

In Band zwei seiner gesammelten Essays besucht Frank Schäfer den komischen Heiligen Ulrich Holbein im hessischen Urwald; trifft den Rockschreiber Franz Dobler in einem versifften Backstageraum; wirft beim Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino einen Blick in den Dichteralkoven; bekommt vom legendären Synchronsprecher Rainer Brandt eine Einführung in die Anfangsgründe seiner Kunst und bittet schließlich Charles Bukowski zu einem letzten Gespräch.
 
Weitere Mitwirkende in diesem Band mit 25 ebenso unterhaltsamen wie erhellenden Konversationen über Kunst und die Welt sind Heinz Strunk, Carl Weissner, Hermann Peter Piwitt, Fanny Müller, Ror Wolf, Peter Kurzeck, Ralf Rothmann, Silvia Bovenschen, Joachim Lottmann, Wenzel Storch, Klaus Modick und viele andere.


Leseprobe:

Wolf im Sprachpelz
Ror Wolf
 
Wenn man Ror Wolfs vielgestaltiges Werk, das neben Romanen, Kurzprosa, Gedichten auch Hörspiele und eine mittlerweile abgeschlossene, immerhin sechsbändige »Enzyklopädie für unerschrockene Leser« umfasst, auf einen Nenner bringen wollte, dann wäre das wohl der beharrliche Versuch, die eingespielten ästhetischen Konventionen zu durchbrechen. Seine Romane haben keinen nennenswerten Plot, seine Erzählungen brechen immer wieder nach einer vielversprechenden Exposition ab, verweigern schlicht die Arbeit, seine »Enzyklopädie« verspricht zwar mit großen Worten Ratschlag und Unterweisung, aber Raoul Tranchirer, sein offenbar aus dem tiefsten 19. Jahrhundert stammendes Alter Ego verwickelt sich in Widersprüche, läuft leer, weiß neben akademischen Nullphrasen und Allerweltsweisheiten nichts Substanzielles, aber dafür viel Grillenhaftes, Groteskes beizusteuern – oder seine hochgelahrte Rede verliert sich gleich in wundervollem Irr- und Aberwitz. Und die Gedichte sind immerhin gereimt und metrisch streng gebaut, aber sein Dichterkollege Robert Gernhardt bemerkte auch hier zu Recht die entgrenzende, beinahe anarchische Poetik. »Kein Zweifel, da hat nicht nur er (der Wolf), da hat auch es (das Sprachpotential) gedichtet.«
Wolf lässt es laufen, er überlässt sich den Worten, er improvisiert, das Kalkül kommt erst viel später ins Spiel. Als ich ihn im Mail-Interview, das er vorgeschlagen hatte und das aufgrund einer plötzlichen Erkrankung auch beinahe gescheitert wäre (allerdings kommen seine Antworten dann so prompt und ausführlich, dass man ihn auch für einen Hypochonder halten könnte, wenn man nicht wüsste, dass er vor wenigen Jahren ernstlich krank war) – als ich ihn also nach den Ursachen seines ästhetischen Nonkonformismus frage, kommt er nicht von ungefähr auf seine Jazz-Sozialisation zu sprechen. »Ich wohnte in der DDR und war vom Jazz ganz und gar beeindruckt. Jazz war verboten oder wenigstens unerwünscht, galt als dekadent und war nur in West-Sendern zu hören, nachts. Das waren einzigartige nächtliche Abenteuer. Es gab im Gelände allenfalls 5 oder 10 Menschen, mit denen ich diese Leidenschaft teilte. Damals ist mir klar geworden, dass es nicht auf die Zahl der Fans ankommt, nur auf deren Entschiedenheit. Massenaufmärsche finde ich grauenvoll.«
Wolf ist ein »Satz- und Wortkomponist«, so nennt ihn der Schriftsteller Gert Jonke, ein Sprachmusiker, der genauso um die Gewalttätigkeit und Inhumanität der Worte weiß wie um ihre musikalische Schönheit, ihr Glücks- und utopisches Potenzial – und in dessen Werk immer beides, oft genug unmittelbar nebeneinander zum Stehen kommt. Schon mit seinen ersten Gedichten und Prosaarbeiten aus den 60er Jahren, »Mein famili«, »Fortsetzung des Berichts« und »Pilzer und Pelzer«, hat er eine Art Universalpoesie im Sinn gehabt: »Spiel, Heckmeck, Hokuspokus, Burleske, Spaß; Spaß, der freilich an jeder Stelle umschlagen kann in Entsetzen. Das soll weder in den Klappkasten der schöngeistigen noch der engagierten Literatur passen.«
Exemplarisch hat er dies alles eine Zeitlang im »Totaltheater« des Fußballs gefunden. Er legt sich in den 60er und 70er Jahren ein akustisches Archiv an, aus dem dann seine viel gerühmten »Radio-Collagen« hervorgehen. »Ich war mit Tonbandgeräten in Fußballstadien, in Fan-Club-Kneipen, bei Busfahrten zu Auswärtsspielen, in Spielerkabinen, beim Training, im privaten Bereich der Spieler und Fans«, erklärt er. »Ich habe jahrelang Radioreportagen mitgeschnitten und alles das in vielen Arbeitsgängen ausgewertet, extrahiert, mehrfach transkribiert, geschnitten, immer wieder geschnitten, wieder transkribiert und wieder geschnitten. Damals arbeitete man noch mit Tonbändern: Es war ein jahrelanger gnadenloser Prozess am Schneidetisch. Ich kann versichern, dass ich niemals vorher und niemals danach etwas mit einem vergleichbaren Aufwand an Zeit und Kraft hergestellt habe.«
Die akustischen Collagen machen ihn bald außerhalb der eingeweihten Kreise im Literaturbetrieb bekannt und erscheinen auch in Buchform. Das ist aber allerhöchstens der halbe Spaß. Diese zu einer Melange aus Poésie pure und höherem Blödsinn verschnittene Vielheit der Stimmen muss man schon hören – und man kann nur hoffen, dass sein aktueller Hausverlag Schöffling, der eine große, auf immerhin 13 Bände projektierte Werkausgabe ankündigt, dem einschlägigen Band mit Fußballtexten eine CD beigibt.
Die beiden bisher erschienenen, splendide aufgemachten Werk-Bände enthalten die gesammelten Gedichte, deren Kern der vierteilige, nicht nur für die komische Literatur längst kanonische Gedichtzyklus »Hans Waldmanns Abenteuer« bildet, und eine – »Raoul Tranchirers Mitteilungen an Ratlose« sowie dessen »Welt- und Wirklichkeitslehre aus dem Reich des Fleisches, der Erde, der Luft, des Wassers und der Gefühle« zusammenfassende – Teilausgabe der »Enzyklopädie für unerschrockene Leser«.
Die Titel sind als Wegweiser zu verstehen, wie sich dieses über 25 Jahre fortgeführte Schreibprojekt lesen lässt: als eine großangelegte Parodie der vernünftelnden Aufklärer- und Ratgeberliteratur nämlich. Die Satire richtet sich gegen deren dumpfen Positivismus, der durch bloße Fakten-Akkumulation die Welt zu verstehen meint, einerseits; andererseits aber auch gegen den hybriden szientistischen Anspruch, durch immer kleinteiligere Analyse abschließend erklären zu können, wie hienieden alles mit allem zusammenhängt. Wolf führt die Absurdität beider Seiten der Medaille anschaulich vor, indem er Tranchirer Stichwort für Stichwort wieder auf der glänzenden Intellektuellenglatze Locken drehen oder sich im vollen Menschen- bzw. Tierleben verlieren lässt: »Eber. Der Eber springt auf und vollzieht die Begattung mit Kraft und Geschicklichkeit, während das Mutterschwein, von den wollüstigen Eindrücken der Begattung hingerissen, fest und ruhig steht. Danach springt der Eber ab, verlässt das Mutterschwein und legt sich in eine Pfütze. Das Mutterschwein aber springt freudig und munter im Hofe umher.«



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978-3-941895-14-0, Essay 16, Broschur, 225 Seiten.
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