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Das Schweigen der Familie

Azoren-Krimi mit Rezepten

Commisário Jao Baptista ermittelt auf Corvo, einer winzigen zu den Azoren gehörenden Insel im Atlantik. Im Dickicht enger Beziehungsstrukturen und den Wirrnissen seiner empfindlichen Seelenlage, die sich nur zu gern auf seine Gesundheit schlägt, versucht der einzelgängerische Baptista einen Fall zu lösen, der ihn auf den ersten Blick überfordert. Niemand scheint ihn und seine Anwesenheit auf Corvo zu mögen und eigentlich nimmt ihn niemand richtig ernst. Aber genau das ist Baptistas gefährlichste Waffe.

Leseprobe:


»Sie sind also der Polizist?« Senhora Lancha machte keinen Hehl aus ihrem Misstrauen. »Der arme Francisco.Nun soll ihm Gerechtigkeit widerfahren.«
»Baptista. Sehr erfreut.«
»Ihr Zimmer ist im ersten Stock.«
Die beiden Männer folgten ihr die knarrenden Stufen hinauf.
In einem sehr einfachen, aber sympathischen Zimmer stellte Baptista seinen Koffer ab. Er fühlte sich schrecklich und plante sich ins Bett zu legen.
»Kommen Sie doch gleich mit. Meine Frau hat uns etwas zubereitet. Dabei können wir auch für morgen das Wichtigste besprechen.«
»Ich fühle mich schrecklich«, meinte Baptista.
Die Gesichter von Delgado und Lancha klappten schlagartig nach unten. Er hatte wohl eine ungehörige Beleidigung ausgesprochen.
Er räusperte sich kurz. »Geben Sie mir fünf Minuten. Ich komme dann runter.«
Die Gesichter der beiden hellten sich auf. »Sehr schön.«
Die Tür fiel ins Schloss. Baptista fiel auf das Bett. Ihm wurde schwarz vor Augen. Er hatte fiebrigen Schweiß auf der Stirn. Sein Brustkorb war ein einziger Schmerz. Er kramte einige Aspirin heraus und nahm zwei auf einmal. Durch das Fenster hörte er die Stimmen von Delgado, Lancha und zwei weiteren Personen.
»... nicht richtig, dass ein Fremder hier rumwühlt.«
»... unser Geheimnis ...«
»Die interessiert doch gar nicht, was mit uns geschieht. Am besten reist er schnell wieder ab.«
»... endlich hat es den Richtigen getroffen ...«
Baptista ging vorsichtig ans Fenster und versuchte zu erkennen, mit wem Delgado und Lancha redeten. Das kleine Fenster ließen jedoch keinen Blick auf das Grüppchen zu.
Das kann ja heiter werden, murmelte Baptista in seinen fiebrigen Kopf hinein.
Rasch wechselte er das Hemd und ging nach unten. Sobald die Treppen knarrten, verstummten die Stimmen. Delgado saß scheinbar wartend in seinem Auto. Senhora Lancha zupfte alte Blumenblätter.
»Steigen Sie ein. Das Essen wird Sie wieder aufpäppeln«, rief ihm Delgado zu.
Du falscher Hund, dachte Baptista. »Gerne. Danke.«
Er stieg ein und sie fuhren um zwei Straßenecken herum in die Rua da Fonte, wo sie vor einem einfachen Haus ausstiegen. An der Fassade blätterte Farbe ab und der Vorgarten war vollkommen ungepflegt. Als sie eintraten, sah Baptista jedoch sofort, dass sich der schlechte Eindruck lediglich auf die Fassade bezog. Der Innenraum war hervorragend eingerichtet und hatte beinahe etwas Luxuriöses.
Senhora Delgado eilte ihm aus der Küche entgegen. Sie war umgeben von einem appetitanregenden Duft.
»Sehr erfreut. Setzen Sie sich doch. Mein Mann serviert Ihnen einen kleinen Aperitif.«
Ein scharfer Seitenblick zu ihrem Mann zeigte deutlich, wer in diesem Haus die Entscheidungen traf. Baptista konnte es nicht vermeiden, einen Blick auf das runde Hinterteil von Senhora Delgado zu werfen. Wie die meisten Frauen auf den Azoren war sie üppig und strahlte dadurch eine große Lebensfreude aus. Trotz seines fiebrigen Zustandes fühlte Baptista die Anziehungskraft, die Senhora Delgado auf ihn ausübte.
»Was möchten Sie, Senhor Baptista? Einen Maracujalikör?«
Baptista wollte eigentlich nichts Alkoholisches. Doch als er den erwartungsvollen Blick von Delgado sah, stimmte er zu.
»Man hat mir erzählt, dass es auf Corvo noch nie einen Mord gegeben hat. Stimmt das?«
»Noch nie. Ich weiß nicht, ob Sie sich die Bestürzung hier überhaupt vorstellen können. Hier kennt jeder den anderen.
Etwas mehr als dreihundert Personen leben hier. Wir stammen alle von zehn Familien ab. Durch Heirat sind die meisten miteinander verwandt. Auf dieser Insel gibt es noch nicht einmal Schlösser an den Türen.«
»Das ist mir schon aufgefallen. Ich dachte aber, das sei eine Ausnahme.«
»Nein, nein. Niemand schließt seine Tür ab. Wozu auch? Warum sollte ich meiner eigenen Familie etwas stehlen. Hier müssen alle zusammenhalten. Wir sind eine kleine Herde auf einem brodelnden Vulkan. Gott schütze uns.«



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978-3-938568-74-3, Mord und Nachschlag 5, 211 Seiten, Broschur, auch als E-Book in allen gängigen Formaten erhältlich für 5,99 EUR!
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