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Die Zeitgenossen – ihre Schicksale, ihre Tendenzen, ihre großen Charaktere

Herausgegeben von Martina Lauster

Schriften zur Poltitik und Gesellschaft
Band 3


Als Übersetzung eines neuen Werks aus der Feder des englischen Erfolgsautors Edward Lytton Bulwer getarnt, erschienen Gutzkows »Zeitgenossen«, eine enzylopädisch-essayistische Rundschau der Gegenwart, 1837 in zwölf Fortsetzungsheften und dann gesammelt in zwei Bänden. Der Grund für die Mystifikation ist in den Publikationsschwierigkeiten zu sehen, mit denen Gutzkow als namentlich genannter Autor des »Jungen Deutschland« nach dem Bundestagsbeschluss vom Dezember 1835 und nach seiner Inhaftierung zu kämpfen hatte. Jedoch dürfte die Wahl einer englischen Maske auch tiefere Ursachen haben: Gutzkows eigene »analytische« Geschichtsauffassung ist dem soziologischen Porträt der Gegenwart in Bulwers »England and the English« (1833) sehr viel näher als der von Gutzkow selbst so bezeichneten »Geschichtskonstruktion« Hegelscher Provenienz. So entsteht hier in einer neuen, den beschleunigten Zeitverhältnissen angepassten Publikationsform zwischen Buch und Journal ein Werk über das 19. Jahrhundert (Gutzkow änderte den Titel später zu »Säkularbilder«), in dem scharf pointierte typologische Skizzen, Beobachtungen der Gegenwart und umfassende Reflexionen über die Entwicklung von Gesellschaft und Kultur eine in der deutschen Literatur vor ca. 1920 seltene Verbindung eingehen.


Leseprobe:

Das Moderne.


Die Mode entspricht den massenhaften Bestrebungen unsrer Zeit. Sie gibt dem Einzelnen eine Auszeichnung und drängt ihn doch wieder in ein größeres Niveau zurück. Die Mode bindet und löset, ist eben so sehr Freiheit wie Gesetz und entspricht vollkommen dem konstitutionellen Charakter unsrer Zeit.
Den Quellen der Mode nachzuforschen, ist eine schwierige Aufgabe. Wie sie unmöglich von einem Einzelnen ausgeht, so scheint sie auch aus keiner Verabredung zu entstehen. Es ist, als müßt' es in der Luft liegen, daß es plötzlich allgemein heißt: Rosahut mit schwarzem Krepp, Samtröcke mit seidnem Zubehör, Brillen in Facon einer Schlange, die eine arabische Acht bildet, Schuhe mit abgestumpften Spitzen und dergleichen Bestimmungen der Mode mehr. Möglich, daß eine einzige Originalität vorangeht, ein erfinderischer Modist oder ein Gentleman, der seine eignen Launen hat; allein, daß ihm die Andern blindlings folgen, daß sie, indem sie doch selbst Geschmack haben, dem seinigen unbedingt gehorchen, das ist auffallend genug in einem Zeitalter, wo Keiner auf den Andern Werth legt und Alle sich zu hassen scheinen.
Ich finde bei den Erfindungen der Mode noch mehr, das erstaunen macht, die unleugbare Tendenz nach dem Schönen hin. Man wird meinen Geschmack dieser Behauptung wegen für verdächtig halten; allein ich habe noch immer gefunden, daß, wenn mich der Anblick, z. B. eines Damenhutes, der eine Zeitlang in der Mode war, ermüdet, und die Mode eine neue Form entdeckt hatte, ich mir immer gestehen mußte, daß das Jüngste mich befriedigte, soweit die Thorheiten der Mode befriedigen können. Es gibt eine Kleiderästhetik, die von der Philosophie schwerlich so tief gegründet ist, als von einigen Modehändlerinnen in Paris.
Die Mode verwirft das sogenannte Altfränkische nicht: sie kömmt, wie wir in neurer Zeit gesehen haben, auffallend genug auf die meisten Geschmacksbestimmungen des vorigen Jahrhunderts zurück. Dieß ist ein Merkmal der Mode, welches den Weg bahnt zur Begriffsbestimmung des Modernen. Das Moderne verwirft das Alte nicht, sondern modelt es entweder nach eigenem Geschmack um oder treibt es ins Extrem, wo es komisch wird, oder raffinirt sonst daran auf irgend eine Weise. Ein gothisches Zimmer mit bunten Fensterscheiben, mit plumpen altfränkischen Meubeln und der ganzen Illusion des Mittelalters ist das Modernste, was man haben kann. Das Moderne besteht demnach nur in einem gewissen Beigeschmack, in einem, fast möchte man sagen, Hautgout der Dinge, in ihrer Culmination, die sie piquant macht. Man kann für die Antike und für die Romantik eingenommen seyn und dabei doch immer mitten inne im Modernen sich befinden.
 



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978-3-938568-52-1, 756 Seiten, Leinen mit Schutzumschlag und Fadenheftung.
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