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Dramatische Werke - Marino Falieri. Hamlet in Wittenberg. Nero. König Saul.

Herausgegeben von Anne Friedrich und Susanne Schütz

Band 1

Gutzkows frühe Dramen, publiziert bzw. erstaufgeführt zwischen 1834 und 1840, stellen Experimente mit Formen und Inhalten des überlieferten Dramas der Goethezeit dar. Diese Tradition, die beim Leser bzw. Publikum als bekannt vorausgesetzt werden konnte, griff Gutzkow als ›das Alte‹ auf, um sie mit ›dem Neuen‹ zu konfrontieren und zu durchsetzen. In der Vielfalt der historischen und zeitgenössischen Stoffe, die seine Schauspiele behandeln, und in der Diversität ihrer Formen (vom fragmentarischen Lesestück bis zum fünfaktigen Vers- oder Prosadrama) lässt sich als roter Fadeneine Auseinandersetzung mit dem Personenkonzept und der ›geschlossenen Form‹ der klassisch-romantischen Epoche beobachten.


Leseprobe:

NERO, II

Nacht.
Vorzimmer eines Balkons, welcher offen steht und die Aussicht nach dem bedeckten Monde gibt. Nero und Poppäa auf zusammengehäuften Polstern. Attitüde. Nero spricht träumerisch, phantasirend, sylbenzählend.

NERO:
Welche Zeit ist's?

POPPÄA:
Mitternacht der Wächter ruft.

NERO:
Die Hähne schrei'n: sie witterns in der Luft,
Daß sich ein Dieb schleicht um des Hofes Thor;
Die Nacht hat Augen nicht, doch scharfes Ohr.

Welch' Zeit ist's?

POPPÄA:
Ein Uhr nach Mitternacht.

NERO:
Der Schatzgräber hat sein Werk vollbracht.
Horch, wie der Maulwurf gräbt und hackt,
Schatzgräbers Spaten bracht' ihn in den Takt.
So ein altes Fell ist blind, und sieht
Doch mit dem Ohre Alles, was geschieht.

Welche Zeit ist's?

POPPÄA:
Nach Mitternacht zwei Uhr.

NERO:
Vom Himmel ein Stern herunterfuhr.
Die Welt schläft nicht, der Himmel schläft.
Die alten Heroen, die ihr Laternengeschäft,
Als Sterne ersten und zweiten Rangs besorge,
Sind Götter freilich, doch vorm Schlafe nicht geborgen.
Wenn so ein alter invalider Heroe als Stern ein Stück
Von sich herunter fallen läßt, so ist's aus Ungeschick
Und Schläfrigkeit doch nur –

Die Dinge
Drehn wahrlich sich in einem andern Ringe.
Was sind wir? Warum sind wir? Sprich,
Du frommes Beichtkind, kreuz'ge dich!
Ihr guten Leute, wenn's erlaubt,
'S ist vieles Thorheit, was Ihr glaubt.

Denn sind wir dem Gotte nicht ein Bedürfniß?
In seinem eignen Seyn das atheistische Zerwürfniß?
O Gott; er läßt uns tief im Koth, im Trüben,
Und verlangt noch, ihn zu lieben.
Man spricht vom Unterschied des Guten und Bösen,
Und Jeder müsse sich durch sich selbst erlösen,
Das nennt man die einstige Vergeltung,
Als wäre der Mensch nicht Gottes eigne Verweltung,
Als wär' es göttlich, uns entstehen lassen,
Und dann zuletzt uns bei Wort und That zu fassen.
Es wäre doch, wie man Komödie spielt,
Wenn uns der Himmel deßhalb hätt' erzielt,
Daß wir gleich Puppen machen unser Wesen
Und dann hingegen zur Belohnung des Guten und Bösen.
Warum erschuf er uns? Wer bat ihn darum?
Ich nicht – du nicht – Niemand im Publikum.




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978-3-938568-62-0, Leinenband mit Schutzumschlag + CD-ROM, 330 Seiten.
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